Historische Blicke auf Haitis Hauptstadt

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In den vergangenen Monaten durften wir eine Reihe von Schenkungen aus der Privatbibliothek des deutschen Journalisten Armin Wertz entgegennehmen. Wertz war viele Jahre als Auslandskorrespondent u.a. in Mexiko, in Mittelamerika und in der Karibik tätig. Die Bücher und Zeitschriften, die er dem IAI übersandte, umfassen vor allem Titel zu diesen Ländern, dazu Überblickswerke zu Lateinamerika.

 

 

 

 

Eine besondere Rarität ist der Band zu Port-au-Prince des „Inventaire général des ressources touristiques. Haiti“, 1983 herausgegeben vom damaligen Direktor des Staatlichen Fremdenverkehrsamts Michel-Ange Voltaire. Dieses Buch, von dem in Europa nur noch ein weiteres Exemplar in der Bibliothek des Instituts für Lateinamerika-Studien (IHEAL)  in Paris nachgewiesen ist, beinhaltet eine Dokumentation der Stadtentwicklung von Port-au-Prince seit seinen Anfängen. Historische Stadtpläne und schematische Skizzen zur funktionellen Gliederung der Stadtbezirke werden ergänzt durch Zeichnungen und Fotos zahlreicher Gebäude. Durch die Naturkatastrophen, von denen Haiti immer wieder getroffen, sind viele Bauwerke nicht mehr erhalten. Weit über ein Inventar für touristische Zwecke hinausgehend, erlaubt dieses Buch einen Blick auf die Baustile und die Geschichte Haitis.

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Vom „tranvía de mulitas“ zur elektrischen Straßenbahn

Mit der Jahrhundertwende kam die Elektrizität: Am 15. Januar 1900 weihte „Porfirito“ Díaz, der Sohn des mexikanischen Präsidenten Porfirio Díaz die erste elektrische Straßenbahn in Mexiko-Stadt ein. Seit 1858 hatten von Pferden oder Mauleseln gezogene oder aber dampfbetriebene Wagen die Stadt durchzogen – und die Einwohner liebten vor allem ihren „tranvía de mulitas“ und waren skeptisch gegenüber der neuen Technik. Bald aber wurden die elektrischen Straßenbahnen zum Symbol des Fortschritts und zum festen Bestandteil des Alltags. Ob die Bahn durch den Park von Chapultepec oder der in Trauerflor gehüllte Wagen für den Begräbniszug (etwa 90% der Toten in Mexiko-Stadt wurden mit Straßenbahnen zum Friedhof transportiert): die Straßenbahn war zentral für das Funktionieren der Stadt.

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Davon zeugt das Album „Mexico Tramways“ der gleichnamigen Gesellschaft: 1906 im kanadischen Toronto als Yucatan Power Company gegründet, übernahm sie die Mexico Electric Tramways Company (MET) sowie die Aktienmehrheit an der Mexican Light & Power Company. 1909 wurde in Brüssel ein Fotoalbum mit Texten in französischer Sprache aufgelegt, das die Fahrzeuge von außen und innen zeigt. Gleichzeitig kann man die großen Gebäude der Stadt sehen, wie das 1907 eingeweihte Hauptpostamt Palacio Postal, das im Mexiko des frühen 20. Jahrhunderts ebenfalls für Weltläufigkeit und technischen Fortschritt stand.

Wollen Sie mehr über Züge, Lokomotiven und Bahnstrecken in Mexiko lesen? Über 100 Bücher, Fahrpläne und Streckenkarten finden Sie im Bibliothekskatalog des IAI.

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Döner Kebab in Mexiko

 

Der Döner gilt inzwischen als Berliner Erfindung: 1972 soll Kadir Nurman auf die Idee gekommen sein, gegrilltes Fleisch vom Spieß mit etwas Salat, Zwiebeln, Tomate und scharfer Soße im Fladenbrot zu servieren. Wurde die erste Imbissbude am Berliner Bahnhof Zoo noch vor allem von türkischen Gastarbeitern frequentiert, entdeckten die Deutschen bald das fast food für sich. Inzwischen gibt es in Deutschland nach Angaben des Vereins türkischer Dönerhersteller in Europa ATDiD über 16.000 Döner-Buden, davon allein 1.000 in Berlin.

Als taco árabe ist der Döner aber auch in Mexiko verbreitet. Vor allem in Puebla fallen die vielen kleinen Imbissbuden auf, die die Straßen säumen und mit Schriftzeichen in pseudo-arabischem Stil Werbung machen.

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Die Kulturgeschichte des Döner / taco árabe in Mexiko und viele Anekdoten rund herum bietet das Buch „Su Majestad el Taco Árabe“, das das IAI neu erworben hat. Und wenn Sie mehr über die libanesische und syrische Einwanderung nach Mexiko wissen wollen, suchen Sie in unserem OPAC und entdecken Sie Literarisches, Lebenserinnerungen und Bücher zur Wirtschaftsgeschichte.

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Kleine Nacht am Fuß eines Baumes: Zum Tod von Humberto Ak’abal

Akabal01Am 28. Januar 2019 verstarb der guatemaltekische Schriftsteller Humberto Ak’abal, eine der großen Stimmen der lateinamerikanischen Lyrik.

Seine Gedichte schrieb Ak’abal in der Maya-Sprache K’iche‘, die in Guatemala mehr als 2 Millionen SprecherInnen hat. In einem zweiten Schritt übertrug er sie ins Spanische und auf dieser Basis entstanden die Übersetzungen ins Englische, Französische, Niederländische, Japanische, Estnische, Arabische, Vietnamesische und zahlreiche andere Sprachen. Die Übertragungen ins Deutsche nahm Erich Hackl, ausgewiesener Lateinamerika-Kenner und vielgelesener Schriftsteller, vor.

Humberto Ak’abal spielte mit der Sprache, er nutzte die lautmalerischen Qualitäten des K’iche‘ und ließ auch in den spanischen Übersetzungen immer wieder ein K’iche‘-Wort im Original stehen. Die Texte sind meist kurz, aber dicht gewoben, und schöpfen aus dem Bilderreichtum der Maya-Kultur. Bäume, Wolken und Wasser sind belebt und atmen, sie formen den Kosmos und geben den Sinn. Dennoch sind uns Ak’abals Gedichte nahe und bleiben nicht im Exotismus verhaftet, denn die Gefühle und Gedanken, die sie beinhalten – Einsamkeit, Wut, Freude, die Frage nach dem richtigen Weg und danach, wann wir uns selbst betrügen – sind universell.

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Seine ersten Texte verfasste Humberto Ak’abal auf Spanisch, aber bereits in den 1980er Jahren fand er seine lyrische Stimme in seiner Muttersprache K’iche‘. Dennoch fand er zunächst nur Publikationsmöglichkeiten für die spanischen Gedichte, es dauerte bis 1993, bis Verleger auch die K’iche‘-Texte veröffentlichten. Indem Ak’abal die literarische Sprache pflegte, weiterentwickelte und zu internationaler Anerkennung führte, wurde er zu einer zentralen Figur der K’iche‘-Kultur und wirkte als Vorbild für viele SprecherInnen dieser Sprache. Über seinen Twitter-Kanal und auf YouTube-Videos erreichte er auch ein Publikum, das den Zugang zu Büchern schwerer fand.

„Kleine Nacht am Fuß eines Baumes“ nannte Ak’abal den Schatten. Mit seinem Tod ist dieser etwas größer geworden.

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Comics # 7: RevolutionärInnen und PräsidentInnen als ComicheldInnen

Die Bandbreite der in Comics behandelten Themen ist im Laufe ihrer Geschichte ungemein vielfältig geworden – es gibt kaum ein Thema, was es in Comics nicht gibt. Neben Superhelden, Kriminalfällen, Horrorgeschichten, Science Fiction und vielen weiteren Stoffen haben sich Comics auch immer wieder der Darstellung von geschichtlichen Ereignissen gewidmet – und formen diese genrespezifisch aus.

Aufhänger für geschichtliche Darstellungen im Comic sind meist die mit ihnen im Zusammenhang stehenden zentralen historischen Persönlichkeiten. Neben der zentralen Figuren der Eroberung Amerikas und der nationalen Unabhängigkeitsbewegungen sind auch die großen, teils polarisierenden politischen Persönlichkeiten der jüngeren Geschichte ein besonders häufig gewählter Stoff. Sie werden zu den (oft titelgebenden) Hauptfiguren, um die herum sich die Ereignisse abspielen. Ausschnitte und biographische Sequenzen aus ihren Leben werden in den Comics neu erzählt. Die Bildsprache nutzt dabei oft Originalfotos als Vorlagen und reichert diese mit weiteren, fiktiven Bildern an. Auch die Sprechblasen enthalten zum Teil Originalzitate.

Bereits 1968 und 1970 erschienen etwa die wichtigen Comics über den Che Guevara und über Eva Perón von Héctor Germán Oesterheld in Argentinien. Bei beiden handelt es sich um biographische Comics, die eine deutliche ideologische Zielsetzung verfolgen; die Hauptfiguren werden in ihren Taten und Worten zu HeldInnen stilisiert. Aufgrund der argentinischen Militärdiktatur (1976-1983) wurden beide Comics schnell verboten, jedoch in jüngerer Zeit mehrfach neu veröffentlicht. Oesterheld blieb seinerseits jedoch einer der desaparecidos der Militärdiktatur.

Von einer ähnlichen ideologischen Prägung sind der Comic La vida ilustrada de Hugo Chávez Frías (2012), der den Putsch gegen Chávez im Jahr 2012 thematisiert und von der venezolanischen Regierung veröffentlicht wurde, sowie La batalla del Che von 1989, das in Kuba selbst erschien und sich auf die entscheidende Schlacht von Santa Clara im Jahre 1958 bezieht:

Eine humoristische Bearbeitung erfährt die Biographie des mexikanischen Gewerkschaftsführers Fidel Velázquez (1900-1997) im Comic Fidel. Una biografía von José Luis Trueba Lara. Das nur kurz nach Velázquez‘ Tod erschienene Werk beginnt mit ebendiesem und schildert in der Folge dessen gesamtes Leben.

Einen eher kritisch-karikaturistischen Ton schlägt der Comic von John Miller über Juan Perón, erschienen 1994 in Mexiko, an:

Eine ganze Graphic Novel widmet sich der Präsidentschaft von Salvador Allende in Chile. Aus der Sicht des US-amerikanischen Auslandskorrepondenten John Nitsch erzählt Los años de Allende (2015) detailliert die Ereignisse von der Wahl Allendes im Jahr 1970 bis zum Putsch im Jahr 1973 nach. Die Perspektive einer neutralen dritten Person soll die Grundlage für eine möglichst objektive Schilderung der Ereignisse bieten.

Eine kindliche Perspektive nimmt der Comic Nada vale más que la vida. Pepe Mujica aus dem Jahr 2018 ein. Statt José Mujica in seiner Funktion als (Ex-)Präsident Uruguays darzustellen geschieht der Zugang über den Beruf Mujicas als Blumenzüchter: Ein Junge trifft auf der Suche nach seinen Freunden auf ein Gewächshaus, in dem Pepe Mujica an seinen Blumen arbeitet. Er darf beim Pflegen der Blumen helfen und Mujica erzählt ihm dabei Lebensweisheiten, z.B. über die wichtigen Dinge im Leben und um den guten Umgang miteinander. Mit der pädagogischen Zielsetzung über gute Werte geht bei diesem Comic eine Überhöhung Mujicas als Verkörperung dieser Werte einher.

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Cover von Nada vale más que la vida (2018); abgebildet sind auch Mujicas Hund und sein VW Käfer

Auch in Comics nicht lateinamerikanischen AutorInnen haben politische Persönlichkeiten aus Lateinamerika Eingang gefunden. So widmet sich z.B. auch die deutschsprachige Graphic Novel Castro (2010) von Reinhard Kleist der kubanischen Revolution. Sie gruppiert die Ereignisse im Gegensatz zu den oben genannten Comics um die zweite wichtige Symbolfigur der Revolution, Fidel Castro. Interessanterweise geschieht die Schilderung auch hier aus der Sicht eines neutralen Dritten, und zwar des deutschen Journalisten Karl Mertens.

Die Bibliothek des IAI verfügt über eine Vielzahl weiterer biographischer und historischer Comics. Mit Visual etwa findet sich z.B. eine ganze mexikanische Publikationsreihe, die sich der Comic-Bearbeitung von Biographien bekannter Persönlichkeiten widmet. Neben dem oben erwähnten Juan Domingo Perón erschienen in dieser Reihe unter anderem Comics zu Lázaro Cárdenas del Río, Porfirio Díaz, Pancho Villa, Emiliano Zapata, Luis Donaldo Colosio.

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Ausschnitt aus La batalla del Che (1989) – Weitere Informationen finden Sie in Ihrer Bibliothek!

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Antiquariatskataloge, Auktionskataloge und bibliographische Zeitschriften

Unter dem Titel „La Bibliografía“ erschien zwischen 1929 und 1952 mit monatlichen Ausgaben der Antiquariatskatalog der Librería Porrúa Hermanos y Compañía (Libros Antiguos – Ediciones Raras – Libros de Ocasión) aus Mexiko-Stadt. Vorne ist meist das Titelblatt ein besonders alten Werks abgebildet oder ein Holzschnitt aus einem solchen Werk. Danach folgt ein kurzer Aufsatz zu einem bibliophilen oder bibliographischen Thema. Der Angebotskatalog im Innenteil ist alphabetisch sortiert und enthält von frühen Drucken der Missionarslinguistik (Wörterbücher und Grammatiken der indigenen Sprachen) aus dem 16. Jahrhundert über Werke der Geschichtsschreibung, Philosophie oder Rechtswissenschaft bis zu Ausgaben von Belletristik des 20. Jahrhunderts.

Durch den einleitenden Aufsatz und das regelmäßige Erscheinen erhält „La Bibliografía“ eher den Charakter einer Zeitschrift. Anders als in den französischen oder deutschen Antiquariatskatalogen sind die einzelnen Exemplare auch nicht ausführlicher beschrieben, z.B. was den Bucheinband, andere Besonderheiten oder den Erhaltungszustand der jeweiligen Ausgabe betrifft. Auch zu den Vorbesitzern werden keine Angaben gemacht, anders als beispielsweise in den Katalogen von Hiersemann oder Harrassowitz.

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Auktionskataloge und Antiquariatskataloge sind wichtige Quellen für Studien zu Netzwerken und zur Wissenszirkulation: Wer kaufte welches Buch, wer verkaufte welches Buch? Wohin gelangten die Handbibliotheken berühmter Wissenschaftler nach ihrem Tod? Welche Bücher konnte ein Forscher zu einem bestimmten Zeitpunkt überhaupt erwerben? Wo bildeten sich Zentren in den internationalen Netzwerken heraus? Auch für die Provenienzforschung sind diese Quellen unerlässlich.

„La Bibliografía“ aus Mexiko und die erwähnten zahlreichen Antiquariatskataloge aus Deutschland und Frankreich, vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis Mitte des 20. Jahrhunderts reichend, können Sie über den Katalog des IAI finden. Außerdem stellt das IAI Digitalisate bereit für das Projekt artsales: Kunst–Auktionen–Provenienzen. Der deutsche Kunsthandel im Spiegel der Auktionskataloge der Jahre 1901 bis 1929 der Universitätsbibliothek Heidelberg, in dessen Rahmen Kataloge von Kunstauktionen nachgewiesen und digital verfügbar gemacht werden.

P.S.: Wenn Sie sich für das Thema interessieren, können Sie hier im FID-Blog demnächst weitere Beiträge zu Antiquariatskatalogen und historischen Forschernetzwerken lesen. Bleiben Sie dran !

 

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Comics # 6 Neues Jahr, neuer Comic – Die mikroskopische Welt des Profesor Planeta

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Nach der Weihnachtspause melden wir uns mit einem neuen Beitrag in unserer kleinen Comicreihe zurück. Machten wir Sie vor den Feiertagen mit unter-schiedlichen Kindheitshelden bekannt, wagen wir nun einen Ausflug in die Welt der Wissenschaft, genauer:  zur Insel Cerebrum (lat. Gehirn). Auf Landkarten sucht man diese Insel vergeblich, denn weder handelt es sich bei dem Eiland um einen realen Ort, noch ist dieses für die Öffentlichkeit zugänglich. Der Name könnte allerdings nicht treffender sein: Das fiktive Insellaboratorium ist zentrale Wirkstätte für eine Reihe an Wissenschaftlern, die sich der Erforschung biomedizinischer und technischer Phänomene widmen. An der Spitze dieses illustren, internationalen Gremiums steht der hochintelligente wie mutige Profesor Planeta, dessen Abenteuer im gleichnamigen Science-Fiction-Comic erzählt werden.

Erschienen 1974 beim mexikanischen Editorial Posada, sollte die Reihe „Profesor Planeta“ seine Leserinnen und Leser einfach und verständlich an wissenschaftliche Phänomene heranführen. Ähnlich wie in der später erschienenen französischen Zeichentrickfilmserie „Es war einmal … der Mensch“ (1978), reist Profesor Planeta in Begleitung seiner Nichte Lilia ins Innere des menschlichen Körpers, um wissenschaftlichen Hypothesen und Körperphänomenen auf den Grund zu gehen. Startpunkt ist stets Cerebrum, das bedeutendste Wissenszentrum der Welt, wo das Team auf mikroskopische Größe geschrumpft wird und ihm die neuesten wissenschaftlichen Errungenschaften zur Verfügung gestellt werden.

Ausgestattet mit diversen Utensilien machen sich die beiden auf, einen vom Verlust seines Geschmackssinns geplagten Wissenschaftlerkollegen zu kurieren und begeben sich bei diesem Abenteuer weit in dessen Mundhöhle hinein. Ein anderes Mal stellen sie sich Grippeviren in den Weg, die sich als monströse Ungetüme im Körper ausbreiten. Mag diese Beschreibung schaurig und zuweilen abstoßend erscheinen, so helfen die zahlreichen bunten, lebhaften Zeichnungen über mögliche erste Berührungsängste der Leserinnen und Leser hinweg. Sinnesorgane wie Auge und Zunge werden in dieser Comicreihe überdimensional groß und farbenfroh in Szene gesetzt, so dass Biomedizin und ihre Errungenschaften im besten Licht erscheinen. Die Körperexpeditionen, bei denen zeitgemäß große Raumfahrthelme, wundersame Kapseln, Taucherglocken, aber auch Schwerter eingesetzt werden, kommen so als kuriose Mischung aus Mondlandung und humboldtsche Entdeckungsreisen daher.

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Damit bietet „Profesor Planeta“ interessante Einblicke in die Art und Weise, wie Wissenschaft, ihre Re-präsentantinnen und Repräsentanten sowie Forschungskulturen in der me-xikanischen Populärkultur der 1970er Jahre dargestellt wurden. Im Kontext des Kalten Krieges wird mit Cerebrum eine solidarische Parallelwelt entworfen, in der Wissenschaft eine apolitische Funktion zugeschrieben wird. Profesor Planeta, der im Gegensatz zu seinen durchweg männlichen Wissenschaftlerkollegen über keinen Eigennamen verfügt, verkörpert dabei den Idealtypus des neutralen Wissenschaftlers, der im Sinne der gesamten Menschheit agiert und das auf Cerebrum arbeitende Personal stets an ihren humanitären Auftrag erinnert. Doch frei von Wertigkeiten ist auch diese Wissenschaftskultur nicht: So mag es kein Zufall sein, dass derjenige Forscher, der eine Grippewelle auf Cerebrum nicht als solche erkennt und seinen erkrankten Kollegen stattdessen Sabotage unterstellt, einen russisch klingenden Nachnamen trägt. Profesor Planeta dagegen wird seinem Namen entsprechend als staatenlose, alterslprofesor_planeta_t.1_núm3ose Figur gezeichnet, und erscheint mal mit blonden Haaren, mal mit braunen Augen. Einen Bezug zum mexikanischen Kontext ergibt sich über die Figur der Lilia, die stereotypisch als junge Latina mit dunklen Haaren und weit ausgeschnittenem Dekolleté abgebildet wird und ein männliches Publikum ansprechen sollte.

Ob „Profesor Planeta“ eine breite Rezeption fand, bleibt allerdings ebenso offen, wie die Frage, wie lange die Comicreihe erschien. Anders als „Kalimán-El Hombre increíble“, der in ganz Lateinamerika populär war, scheint „Profesor Planeta“ weniger bekannt zu sein. Vermutlich wurde die Reihe, die ab Juli 1974 alle 14 Tage erschien, auch bereits nach 10 Heften im November 1974 wieder eingestellt. Umso mehr freuen wir uns, dass wir neben den populären lateinamerikanischen Comics auch unbekanntere Reihen, wie „Profesor Planeta“, zu den Bibliotheksbeständen des Ibero-Amerikanischen Instituts zählen können. Besonders ist zudem, dass Sie alle im Jahr 1974 erschienenen Hefte ohne Lücken im IAI finden, denn selbst so manche Nummern bekannter Comicreihen sind schwer erhältlich. Die Abenteuer des Profesor Planeta auf Cerebrum  können Sie dagegen über den gesamten Erscheinungsverlauf verfolgen.

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