Zeitschriften, Blatt für Blatt: Sammlungen, Ausstellungen und Projekte

Mit einer großen Jubiläumsausstellung, die noch bis zum 8. April 2019 zu sehen ist, feiert die Hemeroteca Municipal de Madrid ihr 100-jähriges Bestehen.

Die Zeitschriftenbibliothek in Madrid ist die älteste und vollständigste ihrer Art in Spanien. Ihre Entstehung ist mit dem Konzept eines Ortes verbunden, an dem Sammlungen von Zeitungen, Zeitschriften und Zeitschriften in Form einer Bibliothek von ephemeren Drucken vorgehalten und zu Studienzwecken wie auch für das allgemeine Publikum bereitgestellt werden.

Die Hemeroteca Municipal de Madrid birgt einen einzigartigen Reichtum an Materialien vom 16. Jahrhundert bis heute, von verschiedenster geografischer Herkunft und alle Formen der Schriftkultur umfassend: Zeitungen und Zeitschriften, Amtsblätter, Manifeste, Broschüren, Flugblätter, Almanache und Kalender. Ebenso heterogen ist die Herkunft: staatlich oder privat, von Regierungen, Institutionen, Verbänden, Unternehmen oder Einzelpersonen.

Die Zeitschriftenbibliothek wurde 1916 auf Initiative der Journalisten Ricardo Fuente und Antonio Asenjo gegründet. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Presse aus aller Welt gesammelt, seit 1966 umfasst die Sammlung fast ausschließlich die in Madrid veröffentlichte Presse.

Heute findet man hier Materialien aus mehr als vier Jahrhunderten. Von besonderer Bedeutung sind die Sammlungen aus dem 17. und 18. Jahrhundert, der Entstehungs- und Frühphase der spanischen Presse. Äußerst umfassend sind auch die Bestände des 19. Jahrhunderts und des Spanischen Bürgerkriegs 1936-1939. Dazu kommen wertvolle Sammlungen alter hispanoamerikanischer, französischer und deutscher Presse.

Die Ausstellung Cuatro siglos de noticias en cien años zeigt eine Auswahl aus den Beständen anlässlich des 100. Jubiläums der Einweihung im Jahr 1918. Sie zeichnet die kulturellen und sozialen Funktionen der Zeitschriften nach und betont die Bedeutung der Sammlung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

 

Kulturzeitschriften

Das Ibero-Amerikanische Institut in Berlin eröffnet am Montag, 25.3.2019 die Ausstellung Interconexiones, transferencias e información: revistas culturales latinoamericanas (26.3.2019 – 30.4.2019, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, BKM), die die Vielfalt lateinamerikanischer Kulturzeitschriften vor Augen führt. Insbesondere die Zeitschriften aus den Jahren 1860 bis 1930 zeugen von einer der turbulentesten Perioden der Geschichte, in der die rasante Industrialisierung, das Wachstum der Mittelschicht, die Emanzipation der Frauen und die Entstehung einer konsumorientierten Kultur tektonische Veränderungen in der Gesellschaft bewirken. Die Zeitschriften sind angefüllt mit Zeichnungen, Cartoons und Fotos, die die visuelle Kultur transportieren und sie in wahre Kunstwerke verwandelt. Mit den transatlantischen Migrationsprozessen werden zudem internationale Netzwerke geknüpft, die zu einem fruchtbaren Austausch führen. Eine Schar von Redakteuren, Autoren, Illustratoren und Druckern hinter jedem Magazin tut alles Mögliche, um ein Publikum zufrieden zu stellen, das stets nach den neuesten Nachrichten aus der ganzen Welt strebt. Die Ausstellung im IAI zeigt die Entwicklungen und wichtigsten Merkmale dieser Publikationen. Außerdem stellt sie das DFG-geförderte Erwerbungs- und Digitalisierungsprojekt Kulturzeitschriften vor.

Weitere Informationen über die Kulturzeitschriften in der Bibliothek des Ibero-Amerikanischen Instituts finden Sie hier im Blog. Außerdem empfehlen wir Ihnen Portal und Blog von Revistas Culturales 2.0

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Koloniale Beziehungen: Dänemark, Schleswig und die Karibik

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Die Niederländischen Antillen und Dänisch-Westindien gehören sicherlich zu den weniger bekannten Teilen der Karibik, dennoch bietet Ihnen der FID Lateinamerika, Karibik, Latino Studies Bücher und weitere Materialien dazu. In mehreren Beiträgen haben wir Ihnen hier in den vergangenen Jahren schon Neuerwerbungen und Datenbanken der Bibliothek (Schlagwörter: Niederlande ; Dänemark) und die Geschichte des ehemals dänischen Karibik-Hafens Flensburg vorgestellt.

Auch zwei im wortwörtlichen Sinn gewichtige neue Bücher sind dem Thema Dänisch-Westindien gewidmet: Marco Petersens Sønderjylland – Schleswig Kolonial präsentiert auf knapp 500 Seiten eine Spurenlese kolonialer Bezüge in der deutsch-dänischen Grenzregion. Die Beiträge bringen dabei Vergessenes zum Vorschein, werfen ein neues Licht auf bereits Bekanntes und benennen Erinnerungsorte. Sie sind auf Deutsch oder Dänisch verfasst und verfügen über Zusammenfassungen in der jeweils anderen Sprache sowie auf Englisch. Die Publikation steht im Kontext des Projektes Sønderjylland – Schleswig Kolonial, das über eine umfangreiche Webseite weitere Informationen und Vermittlungsangebote zur kolonialen Vergangenheit dieser norddeutschen Region zur Verfügung stellt.

When Architecture tells the Story von Ulla Lunn beschreibt Bauwerke und Geschichte von Orten, die typisch für Architektur und Landschaften der ehemaligen dänischen Westindischen Inseln sind. Die Städte, Festungen, heutigen Plantagenruinen, Kirchen und Schulgebäude in ihrer Gesamtheit stellen ein Erbe des Zeitalter von Sklaverei und Kolonialismus dar. Gleichzeitig sind diese Orte wichtige Zugangspunkte zum Verständnis der Geschichte der Inseln und der Menschen, die sie bevölkert haben: die Maurer, die die Festungen gebaut haben, die Architekten, die hinter den Stadtplänen und den Schulen stehen, die Kartographen, die Beamten der dänischen Westindien-Guinea Company und der Regierung, die Plantagenbesitzer und die Sklaven.

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Von der rauen Küste ans karibische Meer – Zeitschriften der galicischen EinwanderInnen in Kuba

Wer sich bereits einmal länger in Kuba aufgehalten hat, dem/der mag die noch heute starke Präsenz  galicischer Namen und Gewerbe aufgefallen sein. Historisch geht dies auf eine Auswanderungsbewegung aus Galicien ab dem 19. Jahrhundert zurück. Galicien war zu dieser Zeit unter anderem aufgrund seiner geographischen Abgelegenheit  und seiner dörflichen Prägung im Vergleich zu anderen spanischen Regionen wirtschaftlich stark rückständig, was insbesondere zwischen 1880 und 1930 zu einer Massenauswanderung führte. Das beliebteste Ziel der AuswanderInnen war Lateinamerika; nach Argentinien zog es die meisten GalicierInnen nach Kuba. Etwa ein Drittel der galicischen AuswanderInnen ließ sich auf der Karibikinsel nieder, zwischen 1899 und 1960 waren es etwa 380.000 Personen.  Einer der bekanntesten galicischstämmigen Kubaner ist sicherlich der Revolutionär und langjährige kubanische Staatspräsident Fidel Castro.

Die galicische EinwanderInnengemeinschaft hatte in Kuba lange bedeutenden kulturellen und wirtschaftlichen Einfluss. Neben eigenen Organisationen und einem aktiven Kulturleben schufen sich die GalicierInnen in Kuba auch zahlreiche eigene Publikationsorgane.  Eine Übersicht dieser galicischen Zeitungen und Zeitschriften bietet z.B. der Band A prensa galega de Cuba von Xosé Neira Vilas (2011). Von den 71 dort gelisteten Periodika findet man auch im Ibero-Amerikanischen Institut zahlreiche Titel.

Eine besonders frühe Vertreterin galicischer Zeitungen in Kuba ist A Gaita Gallega. Von 1885 bis 1889 erschienen, ist sie nicht nur die erste rein galicischsprachige Zeitung Kubas, sondern auch ganz Amerikas. Die Publikation ist von einer starken patriotischen Einstellung geprägt, die sich vor allem auf die Sprache bezieht. Im ersten Heft ist z.B. zu lesen: „o idioma de Galicia é a única nota que o corazón do emigrado atopa para lembrar a querida Terra”.

Eine der wichtigsten Zeitschriften des frühen 20. Jahrhunderts in Kuba war Eco de Galicia (1917-1936). Sie erschien wöchentlich, enthielt zahlreiche Fotos und sowohl spanischsprachige als auch galicischsprachige Beiträge. Ihr Inhalt spiegelt anschaulich den Zeitgeist der Konsolidierung einer galicisch-nationalistischen Bewegung nicht nur in Spanien, sondern auch in Kuba wider. Im Jahr vor ihrer Entstehung war in Galicien die nationalistische Organisation Irmandades da Fala gegründet worden, deren Ideen auch nach Havanna ausstrahlten.  Die Zeitschrift hatte unter anderem eine „Páxina nazonalista“, auf der Beiträge z.B. zu Zentralismuskritik oder zur Pflege der galicischen Sprache veröffentlicht wurden.

Besonders viele galicische Zeitschriften und Zeitungen erschienen nach dem Ende der größten Auswanderungswelle, etwa ab 1930. Eine besonders große Reichweite hatte die monatlich erschienene Zeitschrift Cultura Gallega (1936-1940). Wie Eco de Galicia enthielt sich zahlreiche Fotos und war zweisprachig. Die Cover zeigten oft Bilder von wichtigen galicischen Persönlichkeiten, z.B. Rosalía de Castro, Curros Enríquez oder Ramón del Valle Inclán. Politisch stand sie zunächst betont auf republikanischer Seite und positionierte sich für die Eigenständigkeit Galiciens. Diese Positionierung wird über den Publikationsverlauf immer schwächer. Stattdessen wird immer häufiger von „hispanidad“ und „español“ gesprochen. 1939 veröffentlichte die Zeitschrift sogar ein Bild von Francisco Franco mit der Unterschrift „Jefe del nuevo Estado español“.

Zeitschriften aus dieser Zeit, die von galicischen Organisationen herausgegeben wurden und sich vornehmlich dem Vereinsleben widmeten, sind z.B. Vida Gallega (1938-1951) von der Sociedad de Beneficencia de naturales de Galicia oder der Heraldo Ortigueirés (1941-1959) von der Asociación de Beneficencia Naturales de Ortigueira. Man findet in ihnen vor allem Nachrichten zu runden Geburtstagen, Eheschließungen, Hochzeitsjubiläen, Geburten oder Verstorbenen, aber auch Berichte von Heimatreisenden.

Als Zeitung aus dieser Zeit ist die monatlich erschienene Patria Galega (1941-1960) erwähnenswert. Sie vertrat eine klare nationalistische Position und hatte vor allem zum Ziel, die öffentliche Meinung in Kuba zu beeinflussen. Ein Großteil ihrer Beiträge ist daher trotz der nationalistischen Ausrichtung spanischsprachig und trägt Titel wie  „El españolismo es la negación de la confraternidad“ oder „España no es Iberia”. Gleichzeitig wollte sie das galicische Bewusstsein in den AuswanderInnengemeinschaften fördern. Sie organisierte daher auch viele kulturelle Veranstaltungen wie Ausstellungen, Wettbewerbe oder  Vorträge, um „dar aos fillos de Galiza argumentos cos que poidan combatir aos seus seculares difamadores“.

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Testzugriff auf die Datenbank Foreign Broadcast Information Service bis Ende Mai 2019

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Bis zum 31. Mai 2019 haben Sie die Möglichkeit, den Foreign Broadcast Information Service, eine der wichtigsten Informationsquellen der US-amerikanischen Regierung im 20. Jahrhundert, näher kennenzulernen! Nachdem sich  verschiedene Fachinformationsdienste (FID) seit geraumer Zeit um eine Lizenzierung der Datenbank „Foreign Broadcast Information Service“ bemüht haben, konnte der an die Staatsbibliothek zu Berlin angebundene FID CrossAsia nun mit dem Anbieter Readex ein  Lizenzmodell aushandeln, das nun breit getestet werden kann. Über einen Testzugang soll geprüft werden, inwieweit die in der Datenbank verfügbaren Inhalte nicht nur für die Nutzer*innen des FID CrossAsia, sondern auch für andere inter- und transregionale Forschungsprojekte ertragreich sind.

Wenn Sie herausfinden möchten, was die Datenbank möglicherweise für Ihre Forschungsprojekte bereithält, dann lohnt sich ein Besuch bei den Kolleg*innen des Fachinformationsdienst CrossAsia: https://blog.crossasia.org/foreign-broadcast-information-service-fbis-daily-reports-1941-1996/. Hier  finden Sie die verschiedenen Zugänge zur Datenbank sowie ausführliche Informationen zum 1941 gegründeten Foreign Broadcast Information Service, dessen Mitarbeitende im Auftrag der US-Regierung über ein halbes Jahrhundert lang Rundfunksendungen ausländischer Regierungen, geheime Sendungen aus besetzten Gebieten sowie offizielle Nachrichtendienste abfingen und für Analyst*innen und Regierungsvertreter*innen dokumentierten. In der Datenbank lassen sich dabei Meldungen zu bzw. aus über 100 Ländern aus allen Weltregionen – auch Lateinamerika – finden. Und wie unser kleiner Test zeigte: auch das Ibero-Amerikanische Institut war in seiner Frühphase von Interesse für US-amerikanische Geheimdienste. Falls die Datenbank für Ihre Forschungen wichtig sein sollte, freuen sich die Kolleg*innen des FID CrossAsia übrigens über Rückmeldung (siehe Blogbeitrag).

 

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Comics#8*: Adiós Superhéroes, bienvenidxs Superqueeroes – Queere Comics im IAI

Superqueeroes – so nannte 2016 das Berliner Schwulenmuseum seine erste Ausstellung zu LGBTI*-Comic-Held*innen, die Geschichten jenseits des heteronormativen Comic-Mainstreams zeigte. Hier standen Figuren im Mittelpunkt, die auch Transgender, bisexuell, lesbisch oder schwul sein dürfen, und zu Held*innen werden, indem sie die gängigen gesellschaftlichen Vorstellungen von sexueller Orientierung, Geschlechter-identitäten und Körperidealen hinterfragen. Leicht ist dieses Unterfangen keineswegs, denn bis heute müssen sich Zeichner*innen queerer Comics nicht nur gegen Diskriminierung und Repression behaupten, sondern sich auch in einem Markt durchsetzen, der sich in erster Linie an ein weißes, heterosexuelles und männliches Publikum richtet. Grund genug, um im letzten Beitrag unserer kleinen Comicreihe auch denjenigen Raum zu geben, die sich für eine gesellschaftliche Anerkennung queerer Personen engagieren – und hierfür auf das Medium Comic zurückgreifen. Wir verabschieden unsere Comic-Reihe also mit * und stellen einige Publikationen aus der Bibliothek des IAI vor, die sich Superqueeroes widmen.

Spätestens beim Aufschlagen dieser Werke wird deutlich: Die Themen, Publikationsformen und Bildsprache sind mindestens so divers wie die Künstler*innen, die dahinter stehen. Der argentinische Künstler IOSHUA erschafft beispielsweise in seinem Werk „Cumbiagei. Comic XXX Para vos wachín“ (2011) ein „Universum für einsame, verliebte… heiße aber auch sehr traurige und deprimierte Pibes“. rHnkSPzKE7QwjD3xXibO

Die Geschichten seines Barrios erzählt er auf eine Weise, die an die homoerotischen Illustrationen des finnischen Künstlers Tom of Finland, einer der Ikonen der schwulen Comic-Szene, erinnert. Indem IOSHUA homosexuellen Sex provozierend unverfälscht zeigt und zugleich seine Pibes auch „Te amo“ sagen lässt, löste der Künstler laut der Soziologin Anahi Castello einen identitären Boom bei jüngeren Schwulen in Argentinien aus und entwarf zugleich ein Gegenmodell einer Generation, die aufgrund ihrer ärmlichen Herkunft kriminalisiert und nEy871JUbkSNfgbJHy_0von den Mainstream-Medien als „Pibe Chorros“, also männlich, mit dunkler Hautfarbe und gewalttätig dargestellt wurde. IOSHUA beschreibt sie deshalb auch als große Entdeckung der zeitgenössischen Gegenkultur in Argentinien.

Diese so genannten Gay-Comics erschienen lange nicht in den etablierten Comicverlagen. Ähnlich wie in den USA, wo ab den späten 1960er Jahren Geschichten zu Coming-Out und homosexueller Liebe abseits des (selbst-)zensierten Mainstreams in von Klein- und Selbstverlagen veröffentlichten Comics und Fanzines erschienen, griffen auch schwule lateinamerikanische Comiczeichner auf diese Underground Comix zurück. Der 2015 verstorbene IOSHUA veröffentlichte zunächst in der Zeitschrift Revista Setro und dann beim Kleinverlag „wachodelacalle ediciones  homo cabeza y milena casarola“. Diese inklusiv ausgerichteten, unabhängigen und auf Diversität setzenden Verlage gewinnen zunehmend an Popularität: Der alternative Verlag Nulu Bonsai verlegte beispielsweise 2015 auf 695 Seiten die abgeschlossenen Werke IOSHUAS und der chilenische Comiczeichner Gabriel Ebensperger veröffentlichte seinen autobiografisch angelegten Comic „Gay Gigante“ bei dem in den 1990er Jahren gegründeten Verlag Catalonia.

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Doch auch auf staatlicher Ebene tut sich etwas, zumindest in Argentinien, wo der argentinische Senat 2010 die Eheschließung gleichgeschlechtlicher Paare verabschiedet hat. 2017 veranstaltete die Área de Diversidad Sexual Rosario, eine Arbeitsgruppe des Sekretariats für Soziale Entwicklung in derselben Stadt, einen nationalen Wettbewerb für LGTBI*-Comics, an dem sich Frauengruppen, Transgender, Bisexuelle, Lesben und Schwulen beteiligten. Diese erste nationale Kompilation zu LGTBI*-Comics bricht auch mit einer historischen Tradition in Argentinien, wo unter dem Label „Sexuelle Diversität“ lange nur Gay-Comics gefasst wurden. In der Anthologie sind dagegen zahlreiche Geschichten zu finden, die nicht nur das „G“ in LGTBI repräsentieren, sondern die Grenzen der bipolar gedachten Comicwelt aufbrechen. In „Receta para hacer una Drag Queer“ stellen der Texter Lucas Fauno Gutiérrez und die Zeichnerin Maia Debowicz beispielsweise heteronormative Schönheitsideale aber auch Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit in Frage: Da geht es nicht mehr länger nur darum, das als weiblich Markierte im Mann zu entdecken, sondern das binäre System aufzubrechen: „Bewegungen haben kein Geschlecht“ heißt es beispielsweise beim „Rezept für ein*e Drag Queer“.

„Historia LGTBI“ zeigt, dass die Comic-Szene inklusiver und diverser geworden ist. Im Zuge der Diskussionen über sexuelle und geschlechtliche Diversität erhalten auch Zeichnerinnen größere Aufmerksamkeit, die in dem  männlich dominierten Feld lange unsichtbar blieben. Künstlerinnen aus unterschiedlichen Ländern vernetzen sich beispielsweise in Künstlerkollektiven wie „Chicks on Comics“ und „Tetas Tristes Cómics“ oder veröffentlichen gemeinsam. Ein Beispiel ist die argentinische Zeitschrift mit dem  Namen „Clítoris“, die erstmalig 2010 in Buenos Aires erschien. In der 2017 beim Kreativverlag Hotel de las Ideas erschienenen ersten Anthologie „Clítoris. Sex(t)ualidades en viñetas“ stehen vor allem (aber nicht nur) Frauen im Fokus: Hier geht es um Sexarbeit, gesellschaftlich kontrovers diskutierte und tabuisierte Themen wie Abtreibung, Schönheitsideale oder Sex im Rollstuhl.

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Mit dem Internet sind die Möglichkeiten zur künstlerischen Entfaltung queerer Comic-Zeichner*innen merklich gewachsen. Besonders in den USA hat sich eine queere Latinx-Comicszene entwickelt, deren Künstler*innen zunehmend den Mainstream erobern. Der schwule puerto-ricanisch-US-amerikanische Zeichner Ivan Velez Jr. war mit „Tales of the Closet“ einer der Ersten, der das alltägliche Leben von LGTBI*-Jugendlichen beschrieben hat. Mittlerweile hat er bereits für Marvel Comics gezeichnet und arbeitet als Teaching Artist an der New York Public Library. Und die ebenfalls in der Bronx geborene, queere Latinx-Künstlerin Gabby Rivera hat mit „América Chavez“ die erste queere Latinx-Figur im Marvel-Universum geschaffen.

Dies waren nur kleine Ausschnitte aus einer Szene, die in Zukunft noch weiter wachsen wird. Sind Comics zu queeren Themen gegenüber „Klassikern“ noch unterpräsentiert, so kann das Massenmedium „Comic“ längst nicht mehr als Marginalbestand in Bibliotheken bezeichnet werden. Zumindest im IAI, wo nun bereits seit mehreren Jahren Comics in unterschiedlichen Publikationsformen, auch aus der Underground Comix-Szene, gesammelt werden. Bei der Erwerbung von (queeren) Comics und Forschungsliteratur zu diesem Thema sind aufgrund der mittlerweile hohen Zahl an Kreativverlagen und Comic-Kollektiven auf Ihre Hilfe angewiesen. Falls Sie also zu (queeren) Comics in Lateinamerika forschen und entsprechende Literatur vermissen und/oder in Lateinamerika veröffentlichte Comic-Reihen zu LGTBI*-Themen kennen, dann können Sie uns gerne über das Erwerbungsformular https://fidblog.iai.spk-berlin.de/erwerbungsvorschlag/ oder über fid@iai.spk-berlin.de kontaktieren. Diese Kanäle können Sie selbstverständlich auch nutzen, wenn Sie allgemeine Fragen haben oder auf neue Forschungsfelder zu Lateinamerika, Karibik und Latino Studies aufmerksam machen wollen.

Links

http://www.buenosairesinclusiva.com.ar/uncategorized/solo-contra-todxs/

http://queercomicsdatabase.com/other_rep/queer-latinx-character/

https://www.fundacionarkhe.com/fondosarchivoqueer

http://agenciapresentes.org/2017/05/26/lanzan-concurso-nacional-historieta-lgbti-argentina/

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And the Oscar goes to …: „Roma“ und Yalitza Aparicio

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Casa de Tepeji 22, colonia Roma. Lugares de rodaje de „Roma“ de Alfonso Cuarón en la Ciudad de México. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.

Seit seinem Debüt bei den Filmfestspielen in Venedig 2018 hat der Film „Roma“ des mexikanischen Regisseurs Alfonso Cuarón zahlreiche Auszeichnungen abgeräumt. Nun auch bei den diesjährigen Oscars. Gleich in drei Kategorien konnte sich das mit 10 Nominierungen ins Rennen gegangene Drama durchsetzen: beste Regie, beste Kamera und bester fremdsprachiger Film. Über den Oscargewinn von „Roma“ lässt sich Einiges sagen. Etwa, dass mit „Roma“ erstmalig ein mexikanischer Film den Oscar für den besten ausländischen Film gewinnt und Cuarón nach seinem ersten Erfolg mit „Gravity“ (2013) nun zum zweiten Mal Oscar-Trophäen nach Hause trägt. Oder dass sich der Streamingdienst Netflix mit der Produktion dieses schwarz-weißen Soziomelodrams als wichtiger Konkurrent der großen Hollywood-Studios etabliert hat, obgleich „Roma“ die höchste Auszeichnung als bester Film verwehrt blieb.

Dass „Roma“ aktuell trotzdem als geheimer Oscar-Sieger gehandelt wird, liegt vor allem an der außergewöhnlichen schauspielerischen Leistung von Yalitza Aparicio, die in „Roma“ die Hauptrolle der „Cleo“ spielt. Das indigene Dienstmädchen „Cleo“ und ihr Alltag in einer mexikanischen Arztfamilie stehen im Zentrum dieses Films, in dem Cuarón geschickt privates Familienleben mit der politisch turbulenten Geschichte Mexikos in den 1970er Jahren verwebt.

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Yalitza Aparicio, Fotografie: Milton Martínez / Secretaría de Cultura de la Ciudad de México Jueves 13 de diciembre de 2018, Wikimedia Commons, CC BY 2.0.

Die 1993 in Tlaxiaco, Oaxaca geborene Mixtekin Yalitza Aparicio, die zunächst gar nicht erst beim Casting in ihrer Heimatstadt erscheinen wollte und dann doch in „Roma“ debütierte, spielte die Rolle der „Cleo“ so gut, dass sie als erste indigene Schauspielerin in der Kategorie „Beste Schauspielerin“ nominiert wurde. Dass sie schlussendlich den Oscar nicht bekam, ist zwar schade, aber (fast) egal. Denn schlussendlich hat sie mit ihrer starken Darstellung der „Cleo“ gezeigt, was eigentlich längst klar sollte: Die Vorstellung, indigene Frauen könnten keine Hauptrollen spielen, da sie entweder „westlichen“ Schönheitsidealen nicht erfüllen oder nicht über ihre designierten Rollen als Mutter und Gemeindemitglied herauswachsen könnten, nicht mehr als ein Mythos ist. Wohl aber fehlt es an realen Möglichkeiten bei gleichen sozialen Bedingungen. In Mexiko hat „Roma“, der auch als Kritik am Mangel an Arbeitnehmerrechten in der informellen Wirtschaft gelesen wird, so auch die Debatte über Rassismus in der mexikanischen Gesellschaft und den Zusammenhang von sozialer Schicht und Ethnizität weiter angefacht.

Die Verbindung zwischen sozialer und ethnischer Unterdrückung und Sprache reißt der Film ebenfalls an. Mit der Köchin „Adele“ spricht „Cleo“ in ihrer Muttersprache Mixtekisch, allerdings nur solange sie unter sich bleiben – ein Hinweis auf die lange Diskriminierung indigener Sprachen und ihrer Sprecher*innen in dem Land. Damit bestätigt der Film das, was die UNESCO für das Internationale Jahr der Indigenen Sprachen, betont hat: Sprachen spielen eine bedeutende Rolle im alltäglichen Leben, sie helfen, einzigartige Denk- und Ausdrucksweisen zu bewahren und tragen zur gesellschaftlichen Repräsentation indigener Gruppen bei. Genau das versucht beispielsweise die mexikanisch-niederländische Filmemacherin Itandehui Jansen in ihrem mixtekisch-spanischen Film „Tiempo de lluvia“, der sich mit Migration beschäftigt und zum Ziel hat, die Geschichte mixtekischer Gemeinden und deren Beziehung zur Region am Leben zu erhalten. Wer an Mixtekisch interessiert ist, ist im IAI, das sich  am Internationalen Jahr für Indigene Sprachen beteiligt, an der richtigen Adresse: In der Bibliothek finden Sie Forschungsliteratur zur mixtekischen Sprache, Wörterbücher, aber auch Sprachaufnahmen und Filme. Tonträger und Filme sind über den Online-Katalog erschlossen und am besten über die erweiterte Suche zu finden, wo Sie bei „Materialart“ auch die entsprechenden Optionen wählen können. Hier werden Sie auch fündig, wenn Sie ältere Filme von Cuarón, beispielsweise seinen mexikanischen Road-Movie „Y tu mamá también“ (2003), suchen. „Roma“ mit der wunderbaren Yalitza Aparicio ist dagegen auf Netflix zu sehen – die zugehörige DVD ist noch nicht veröffentlicht.

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Historische Blicke auf Haitis Hauptstadt

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In den vergangenen Monaten durften wir eine Reihe von Schenkungen aus der Privatbibliothek des deutschen Journalisten Armin Wertz entgegennehmen. Wertz war viele Jahre als Auslandskorrespondent u.a. in Mexiko, in Mittelamerika und in der Karibik tätig. Die Bücher und Zeitschriften, die er dem IAI übersandte, umfassen vor allem Titel zu diesen Ländern, dazu Überblickswerke zu Lateinamerika.

 

 

 

 

Eine besondere Rarität ist der Band zu Port-au-Prince des „Inventaire général des ressources touristiques. Haiti“, 1983 herausgegeben vom damaligen Direktor des Staatlichen Fremdenverkehrsamts Michel-Ange Voltaire. Dieses Buch, von dem in Europa nur noch ein weiteres Exemplar in der Bibliothek des Instituts für Lateinamerika-Studien (IHEAL)  in Paris nachgewiesen ist, beinhaltet eine Dokumentation der Stadtentwicklung von Port-au-Prince seit seinen Anfängen. Historische Stadtpläne und schematische Skizzen zur funktionellen Gliederung der Stadtbezirke werden ergänzt durch Zeichnungen und Fotos zahlreicher Gebäude. Durch die Naturkatastrophen, von denen Haiti immer wieder getroffen, sind viele Bauwerke nicht mehr erhalten. Weit über ein Inventar für touristische Zwecke hinausgehend, erlaubt dieses Buch einen Blick auf die Baustile und die Geschichte Haitis.

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