Delmira Agustini und „Vida Montevideana“

Die Delmira_Agustiniuruguayische Dichterin Delmira Agustini (1886-1914) gilt als eine der wichtigsten literarischen Stimmen des frühen 20. Jahrhunderts, insbesondere des Modernismo, in Lateinamerika. Ihre ersten Gedichte verfaßte sie im Alter von 10 Jahren, außerdem zeigte sie ein großes musikalisches Talent, bekam Klavierunterricht und widmete sich unter Anleitung eines Lehrers auch der Malerei und Grafik. Als sie sich 1914 nach nur wenigen Monaten von ihrem Ehemann Enrique Job Reyes scheiden ließ, erschoß dieser Agustini und sich selbst. Die tragische Geschichte wurde ihrerseits zum Inhalt zahlreicher Romane, Gedichte, Lieder und Theaterstücke.

2013 begann die uruguayische Nationalbibliothek, die Manuskripte von Delmira Agustini zu digitalisieren. Daraus ist das Archivo Digital Delmira Agustini entstanden, das fünf der sieben berühmten Schreibhefte der Dichterin präsentiert. Außerdem steht auf den Seiten der Nationalbibliothek der Gesamtkatalog des grafischen Werks von Agustini zur Verfügung.

Vida montevideana

Zeitgleich erschien in Uruguay die Publikumszeitschrift Vida montevideana: Revista social ilustrada, die ein ganz anderes Gesellschafts- und Frauenbild vermittelte als dasjenige, das Delmira Agustini lebte. Vida montevideana präsentierte die „Galería de Bellezas Montevideanas“ mit den heiratsfähigen Damen der Gesellschaft und gibt uns noch heute ein umfassendes Panorama des damaligen Gesellschaftslebens. Das IAI konnte ein komplettes Set (46 Nummern) dieser seltenen Zeitschrift erwerben, die nun Forschungseinblicke in die Sozial- und Kulturgeschichte dieser Zeit ermöglicht.

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Die Bibliothek im 21. Jahrhundert

Gastbeitrag von Mike Heidenreich

Bis vor wenigen Jahren war die Vorstellung einer Bibliothek die einer umfangreichen, vor allem physischen Sammlung von Medien wie Büchern, Zeitschriften und Tonträger zu verschiedensten Themengebieten. Im Zuge der immer weiter voranschreitenden Digitalisierung unserer Gesellschaft wurde dieses Bild jedoch um einen wichtigen Aspekt ergänzt: die Bereitstellung umfangreicher Online-Ressourcen.

So hat die Bibliothek des Ibero-Amerikanischen Institutes (IAI) ihre zentrale Dienstleistung, die Bereitstellung von Medien und Informationen für ihre NutzerInnen, in den vergangenen Jahren in großem Umfang ausgebaut.

Mit dem kontinuierlich wachsenden Angebot elektronischer Zeitschriften und dem verbesserten Zugang zu Open Access Publikationen richtet die Bibliothek ihre Leistungen optimal auf die NutzerInnen aus und ermöglicht einen weltweiten Zugriff in Echtzeit auf ihre Bestände. Während der allgemeine Trend in Bibliotheken eine Abnahme der physischen Ausleihe von Büchern verzeichnet, steigt am IAI wie auch anderswo die Nutzung der Digitalen Sammlungen. Die Online-Aktivitäten verzeichnen für 2016 mit 11.523 BesucherInnen auf den Seiten der Digitalen Sammlungen (Eigendigitalisate des IAI) und 165.913 Seitenanzeigen im Vergleich zu 2015 einen Anstieg um 57% bzw. 80%.

Besonderer Beliebtheit erfreuen sich dabei die Digitalisate der historischen und fragilen Sondersammlungen, wie etwa das digitale Angebot historischer Karten, die Fotothek mit Bilddokumenten auf Glasplatten zu archäologischen, ethnographischen, historischen und länderkundlichen Themen aus der Zeit von ca. 1870 bis 1940, sowie der Nachlass (Karten, Reisetagebücher, Skizzen etc.) des deutschen Geographen Hans Steffen.

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Dass die Digitalisierung der Bibliotheksbestände weltweites Interesse hervorruft, unterstreichen auch besonders die vielen Onlinezugriffe ausländischer WissenschaftlerInnen und Interessierter. So nutzte ein Großteil der Besucher die Angebote von Spanien aus, gefolgt von Zugriffen aus Deutschland, den USA, Argentinien und Mexiko.

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Zwischen Exil und Migration

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Exilliteratur ist ein Phänomen seit der Antike: Aus politischen oder religiösen Gründen verlassen Schriftsteller und Schriftstellerinnen ihre Heimat. In ihrem Gastland schreiben sie entweder weiterhin in ihrer Muttersprache oder aber übernehmen die neue Sprache für ihre Literatur. Ihre Texte stehen oft zwischen den beiden Welten, wie bei Hilde Domin, die sich „eine spanische Dichterin in deutscher Sprache“ nannte. Eng damit verwandt ist die Interkulturelle Literatur, Brückenliteratur oder auch Migrantenliteratur, die ebenfalls zwischen den Sprachen und Kulturen steht. Das IAI sammelt schon lange beispielsweise jamaikanische Literatur aus London oder haitianische Literatur, die in Kanada entsteht.

Bereits 2015 konnten auf einer Erwerbungsreise nach Amsterdam eine Reihe Publikationen spanischsprachiger Exilautoren und -autorinnen aus den Niederlanden erworben werden, die in Kleinverlagen oder im Selbstverlag publiziert und in der kleinen Buchhandlung El Rincón del Libro  vertrieben werden. Es sind dies überwiegend Memoiren, autobiographisch geprägte Gedichte und andere Selbstzeugnisse.

Der aktuelle Neuzugang in der Bibliothek ist die Zeitschrift Éxodo, von der das IAI die Nummer 1 bis 4 aus dem Jahr 1966 erwerben konnte. Éxodo ist in keiner anderen Bibliothek nachgewiesen. Die Zeitschrift, die Lyrik und später auch Prosa in spanischer Sprache veröffentlicht, erschien in Frankfurt am Main unter der Leitung von Francisco Vélez Nieto. Sie stellt sich in die Tradition der Arbeiterliteratur, zitiert Brecht in der und schreibt im Vorwort zur zweiten Nummer:

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Auch in Éxodo nehmen viele der lyrischen Texte expliziten Bezug auf die Situation der spanischen Arbeitsmigranten und –migrantinnen und zeichnen so ein Bild, das auch in heutigen Tagen nicht ganz fremd ist.

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Geschichten von Räubern und Heiligen

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Wie die Biblioteca Criolla  oder die mexikanische Sammlung mit Graphiken von José Guadalupe Posada , die in den Digitalen Sammlungen des IAI bereits online zur Verfügung stehen, gehört die Literatura de Cordel zu den Sammlungen lateinamerikanischer Populärkultur in der Bibliothek des IAI. Mit etwa 8.000 Cordel-Heften sowie originalen Druckstöcken und umfangreicher Sekundärliteratur stellt sie die größte europäische Sammlung dieser Gattung dar.

Literatura de Cordel bezeichnet eine Form der populären Literatur, die in kleinformatigen Heften erscheint. Europäische Erzähltraditionen der frühen Neuzeit kamen mit den Einwanderern nach Brasilien und es entstand eine eigene Literaturform. In den Inhalten mischen sich heute einheimische Legenden mit Berichten über Verbrechen, bedeutsame Ereignisse, das Leben von Heiligen, Sportlern oder Politikern. Die Sprache ist voller Elemente der Mündlichkeit, die Strophen bestehen meist aus sechs Versen zu je sieben Silben. Die Hefte sind zwischen 8 bis 64 Seiten lang und die Titelblätter sind mit volkstümlichen Holzschnitten versehen. Ihren Namen hat die Literatura de Cordel von den Schnüren (cordel), an denen die Hefte mit Klammern aufgehängt und so auf Märkten zum Verkauf angeboten werden.

Die frühesten im IAI vorhandenen Cordel-Drucke stammen aus den 1950er und 1960er Jahren, die Sammlung wird kontinuierlich ausgebaut. Neben Cordel-Heften aus Brasilien stehen auch Facsimile-Drucke spanischer Titel des 18. und 19. Jh. zur Verfügung.

Zu Literatura de cordel siehe auch den im Volltext verfügbaren Aufsatz von Ulrike Mühlschlegel und  Ricarda Musser „De cómo la Donazela Teodora atravéso el mar, se casó con un cangaceiro y finalmente descubrió la cibernética en São Paulo: la literatura de cordel brasileña como medio de masas“ (in: Iberoamericana 2:6, 2002, 143-160) sowie speziell zur Sammlung des IAI den Beitrag von Ricarda Musser „Stories on a string in Berlin: the Cordel Collection of the Ibero-American Institute“ (in: Lynn Shirey: Popular Culture: Arts and Social Change in Latin America. New Orleans, Tulane University, 2014, 45-49).

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Von Königsberg nach Kolumbien: Konrad Theodor Preuss in virtuellen Ausstellungen

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Unter dem Titel Zu Mythen und Monumenten“ bietet die Deutsche Digitale Bibliothek eine virtuelle Ausstellung über Konrad Theodor Preuss, die am Ethnologischen Museum (Staatliche Museen zu Berlin) anläßlich des  100-jährigen Jubiläums seiner Forschungsreisen in Kolumbien erstellt wurde.

Der Ethnologie, Archäologe und Ethnohistoriker begann nach seinem Studium in Königberg 1895 ein Volontariat am Königlichen Museum für Völkerkunde in Berlin (heute Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin) und bekleidete dort verschiedene Positionen, bis er schließlich von 1920 bis 1934 Direktor der nord- und mittelamerikanischen Abteilung wurde. Preuss unternahm mehrere Forschungsreisen in Mexiko und lebte von 1913 bis 1919 in Kolumbien. In beiden Ländern führte er Studien zu Sprachen und Religionen, insbesondere den Mythen und Ritualen indigener Bevölkerungen durch.

Zur Ausstellung schreiben Dr. Manuela Fischer und Dr. Michael Kraus vom Ausstellungsteam:

Gegenstand der aktuellen Diskussion um die Rolle von Konrad Theodor Preuss sind drei Aspekte:

Es geht um die Rechtmäßigkeit seiner Erwerbungen, die schon damals nicht unumstritten waren. Einige der archäologischen Objekte werden aktuell von der Gemeinde San Agustín als Teil ihres kulturellen Erbes zurückgefordert.

Methodisch wird kritisch gesehen, dass Preuss, der primär an ethnologischen Zusammenhängen und Deutungen interessiert war, keine fachgerechten, präzise dokumentierten Grabungen durchgeführt hat.

Und schließlich wird seine Tätigkeit im Kontext der Diskussion um postkoloniale Beziehungen und den Umgang mit kulturellem Erbe neu bewertet. Die virtuelle Ausstellung möchte die Möglichkeit geben, sich ein eigenes Bild der zum Teil widersprüchlichen Facetten seiner Forschungsreise nach Kolumbien zu machen.

Den von Konrad Theodor Preuss aus Kolumbien mitgebrachten Masken der Kágaba widmet auch die virtuelle Ausstellung „Miradas Alemanas“ einen eigenen Abschnitt.
Der größte Teil des Nachlasses von Konrad Theodor Preuss ist im 2. Weltkrieg  verlorengegangen.  Wichtige Bestände befinden sich heute Ethnologischen Museum (Staatliche Museen zu Berlin), ein Teil seines Nachlasses liegt aber auch im Ibero-Amerikanischen Institut. Die Wachswalzen-Aufnahmen von rituellen Gesängen der Cora und Huichol aus Mexiko, die Preuss 1905 bis 1907 anfertigte, wurden 2013 von einem internationalen Wissenschaftlerteam unter Mitarbeit des Ibero-Amerikanischen Instituts und des Ethnologischen Museums in einer spanisch-deutschen Edition in der Reihe „Historische Klangdokumente“veröffentlicht.

 

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Idearium: Literatura, Arte.

ideariumAls am 15. Januar 1900 in Granada die erste Nummer der Zeitschrift Idearium aus der Druckerpresse kam, lebte der Ideengeber und Initiator dieses Projektes schon nicht mehr: Am 29. November 1898 hatte der Schriftsteller und Diplomat Ángel Ganivet in Riga Suizid begangen. Die Zeitschrift trug zwar den Titel seines dreibändigen Werks Idearium español, stand aber ebenso in der Tradition seines Buches Granada la bella. Jede der 38 Nummern, die nach dem Tod Ganivets von seinen Freunden unter der Leitung von Miguel Gutiérrez und José de Cuenca herausgebracht wurde, widmete sich einer Provinz oder einer Ortschaft Andalusiens.

Das Ibero-Amerikanische Institut hat im Rahmen des Projektes Kulturzeitschriften 10 Bände von Idearium erworben und besitzt damit als einzige deutsche Bibliothek diese seltene Kulturzeitschrift.

 

Weitere Bände sind in der Biblioteca Virtual de Andalucía online verfügbar, dazu auch ein Hintergrundtext über die Zeitschrift und ihre Herausgeber.

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Flugblätter und andere Kleinschriften

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Heute stellen wir Ihnen das Digital Archive of Latin American and Caribbean Ephemera vor, eine beständig wachsende Sammlung seltener und schwer zugänglicher Primärquellen, die aus der Latin American Ephemera Collection in Princeton hervorgeht.

Der Hauptbestand dieser sogenannten Kleinschriften (ephemera) stammt aus dem frühen 20. Jh., die Sammlung wird aber laufend weiter ergänzt. Die Materialien umfassen Flugblätter, Broschüren, Faltblätter, Poster und Plakate, Aufkleber und Postkarten und stammen von Aktivisten und Nichtregierungsorganisationen, aber auch Behörden, Parteien und anderen Organisationen.

Thematische Kategorien der Sammlung sind Arbeit, Bürgerrechte, ethnische Minderheiten, Entwicklung, Erziehung, Gender, Gesundheit, Kunst und Kultur, Kinder und Jugendliche, Landwirtschaft, Menschenrechte, Politik, Regierung und Verwaltung, Religion, Umwelt und Ökologie, Wissenschaft und Technik, Wirtschaft, Tourismus. Sie gliedern sich in weitere recherchierbare Unterkategorien. Der bisherige Schwerpunkt liegt auf Materialien aus Argentinien, Bolivien, Chile und Venezuela, aber auch andere Länder sind vertreten. In Zukunft soll hier durch einen weiteren Ausbau der Sammlung ein Gleichgewicht geschaffen werden.

Das Digital Archive of Latin American and Caribbean Ephemera ist das jüngste und ambitionierteste Projekt der Latin American Ephemera Collection. Durch Fördermittel des Latin American Research Resources Project (LARRP) und des Council on Library and Information Resources (CLIR) können diese einzigartigen Materialien online und im Open Access angeboten werden. Pro Monat sollen mehrere hundert neue Digitalisate hinzugefügt und so der interdisziplinären Lateinamerikaforschung sowie allen Geistes- und Sozialwissenschaften zur Verfügung gestellt werden.

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