Scherenschnitte aus der Sierra Madre: zwei Amate-Bücher aus dem Nachlass Köhler

Im Nachlass des Altamerikanisten Ulrich Köhler fanden sich zwischen akademischen Werken, faksimilierten Codizes und Belletristik auch zwei von Hand gestaltete Bücher aus dickem Papier. Die Aufschriften lauten:

Historia de una vivienda para hacer una ofrenda al Santo Tecuil
Este ejemplar se terminó de imprimir el dia 15 de abril de 1981 por el autor y curandero Alfonso García Tellez
San Pablito, Pahuatlan, Pue.

und

Historia de la Curación de Antigua de San Pablito, Pahuatlán Puebla
Autor Sr. Alfonso García Tellez
10 de agosto de 1978

Objekte wie diese zeigen die Kontinuität traditioneller Praktiken im täglichen Leben der Otomi und Nahua in Mexiko: Auf Amate-Papier, hergestellt aus der inneren Rinde des Ficus-Baums, werden exakt symmetrische, aus eingefärbtem Papier ausgeschnittene Figuren aufgeklebt, die Götter darstellen. Bereits in präkolumbischer Zeit waren die aus der Rinde des auch Xalama genannten Baumes gefertigten und leporello-artig gefalteten Papiere Träger des Wissens und der Überlieferung. Im Dorf San Pablito, mitten in der Sierra Madre gelegen, hat sich diese Tradition erhalten. Noch heute fertigen die EinwohnerInnen dort etwa 200 Bücher pro Monat an. Die ausgeschnittenen, braun gefärbten oder weißen Papierfiguren wiederum sind weiterhin als Amulette, für Liebeszauber oder auch Verwünschungen Teil der Volkskultur.

Fotos: Annika Hartmann

Entweder auf Anregung der Dänin Bodil Christensen, die seit den 1950er Jahren immer wieder durch die Region reiste, oder inspiriert durch den deutschstämmigen und in Mexiko lebenden Papierfabrikanten Hans Lenz, der über Amate forschte und publizierte, begann der Heiler Alfonso García Tellez zwischen 1975 und 1978 Texte über seine traditionellen Praktiken aufzuschreiben. García Tellez stammt aus einer Familie, die seit vielen Generationen die Heiler des Dorfes San Pablito und seiner Otomí-Gemeinschaft stellte. Nun schrieb er sein Wissen auf Spanisch nieder und ließ es handschriftlich auf die gefalteten Amate-Streifen übertragen. Jedes so hergestellte Buch, verziert mit den Gestalten der Götter, Dämonen und Geister, ist ein Unikat.

Weiterführende Literatur:

Umfangreiche Informationen zum Amate-Papier, zur Tradition der Buchherstellung in San Pablito sowie Analysen der einzelnen Exemplare und eine ausführliche Bibliographie bietet
Mayer, Karl Herbert: Amate manuscripts of the Otomí of San Pablito, Puebla. In: Mexicon 34:6 (2012), 130-135.

Einen stimmungsvollen Bericht aus dem Dorf liefert
Saravia Krohne, Beatriz: Hechizo sobre Papel. In: El Tiempo, 21 de septiembre 1992.

Weitere Exemplare dieser Bücher sind verzeichnet und beschrieben bei

Newberry Library, Chicago
British Museum, London
Sammlung Paulo Herkenhoff, Brasilien

 

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