Comics#4: Der Langeweile und Verdrossenheit zum Trotz – Revistas picarescas

„Genug mit den roten Schlagzeilen, mit den Tragödien, mit den schlechten Nachrichten, mit Politik und Verknappung…!“ – stellten die Herausgeber der chilenischen Zeitschrift El Pingüino in ihrer ersten Ausgabe fest, die am 29. August 1956 erschien. Die Zeitschrift sollte, so hieß es in dem Begrüßungstext, den Leser aus seinem tristen Alltag holen, ihn für einen kurzen Moment von seinen „weltlichen Sorgen“ befreien und zum Schmunzeln bringen.

Nach einer kurzen Pause kehren wir mit dem chilenischen El Pingüino wieder zurück in die Welt der Comics, deren Anfänge in Lateinamerika wir im letzten Beitrag unserer kleinen Reihe betrachtet haben. El Pingüino, der als „Zeitschrift der komischen Comics“ beworben wurde, steht exemplarisch für ein neues, im Falle Chiles ab den 1940er Jahren aufkommendes Genre, das Elemente der US-amerikanischen Pin-up-Zeitschriften, Boulevardpresse und Comics vereinte: die revistas picarescas. Mit diesen Vergnügungsheftchen fanden Comics in Chile und anderen Ländern eine neue Verwendungs- und Verbreitungsform: Anders als die ersten eigenständigen Comicreihen, die ab 1905 in Chile erschienen und sich in erster Linie an Kinder richteten, sollten mit den Comics nun auch Erwachsene unterhalten werden – und zwar nicht mit politischer Satire, sondern mit einer großen Portion „Sexapil“.

Erotik stand im Fokus dieser Vergnügungszeitschriften, die sich explizit an ein männliches Publikum richteten. Ähnlich wie sein Vorläufer Pobre Diablo publizierte El Pingüino zunächst monatlich, ab 1957 dann wöchentlich Hefte, in denen sich neben zahlreichen Comic-Strips auch Fotografien von nur gering bekleideten, jungen Frauen, sensationsorientierte Artikel zu lateinamerikanischen sowie US-amerikanischen vedettes (dt. Diven) und anrüchige Witze finden lassen. Frauen und ihr Verhältnis zu Männern waren zudem ein dominantes Motiv in den Comic-Strips: Eine immer wieder auftretende Figur war beispielsweise die vom argentinischen Comiczeichner Hector Adolfo de Urtiága entwickelte Marilyn Morrón, die „scharfe Marilyn“, die den Männern reihenweise den Kopf verdrehte. Sexualisierte Darstellungen von jungen Frauen, die oftmals ein „westliches“ Frauenbild verkörperten, überwiegen in diesen Comics. Die Protagonistinnen waren jedoch oftmals nicht nur schön, sie zeichneten sich zugleich durch Scharfsinnigkeit, Humor und Stärke aus. Männern hingegen wurde in diesen Comics nicht selten eine passive Rolle, nämlich die des sprachlosen Bewunderers, zugeschrieben.

El Pinguino

El Pingüino, 1956

Marilyn Morrón

El Pingüino, 1956

 

Finden sich auch ab und an gesellschaftskritische Comics, so blieb die humorvoll kritische Kommentation der Tagespolitik den Satirezeitschriften, wie der chilenischen Topaze-El barómetro de la política, vorbehalten. Die Abkehr von politischen Themen lässt sich auch als Ausdruck einer Krisenstimmung verstehen: Die erste Zeitschrift dieser Art, Pobre Diablo, erschien kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Nur zwei Monate nach ihrer Ersterscheinung fielen im August 1945 die Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. In Zeiten des atomaren Zerfalls, so die Redakteure, wolle man der Angst mit Heiterkeit begegnen.

Sollten diese Zeitschriften ihrem Publikum Freude bereiten, so boten sie den Produzenten einer expandierenden Comic-industrie in Chile und Argentinien auch ein wichtiges Auskommen. Hinter Pobre Diablo und El Pingüino standen chilenische Comiczeichner, die sich bereits mit eigenen Figuren einen Namen gemacht hatten und nun nicht mehr länger nur als Zeichner, sondern auch als Verleger und Redakteure auftraten. René Ríos Boettiger, kurz Pepo, der Schaffer von Condorito, war der führende Kopf hinter Pobre Diablo; Guido Vallejos, der mit dem chilenischen Kinder-fussballclub Barrabases eine der bedeutendsten chilenischen Kindercomic-reihen schuf, rief im Jahr 1952 El Pingüino ins Leben. In beiden Zeitschriften fanden zudem zahlreiche chilenische und einige argentinische Künstler den nötigen kreativen Freiraum, um ihre Figuren weiterzuentwickeln. Diese grenzübergreifende Kooperationen sowie  Werbeannoncen, beispielsweise für das zur Continental Schools gehörige Instituto Argentino de Dibujo, verweisen auf eine zunehmende, transnational organisierte Professionalisierung des Comiczeichnerberufes in Lateinamerika. Mit den revistas picarescas bewegten sich diese Künstler jedoch auch auf dünnem Eis: Die freizügigen Hefte stießen auf große Kritik seitens konservativer Gruppen. Mehrfach sahen sich die Herausgeber Pepo und Guido Vallejos mit Gerichtsklagen konfrontiert, in denen ihnen Verstoß gegen die Sittlichkeit vorgeworfen wurde. Auch deshalb hielten sich derartige Zeitschriften trotz guter Verkaufszahlen nicht lange: Pobre Diablo wurde bereits 1952, El Pingüino 1969 eingestellt.

 

Ungeachtet ihrer Kurzlebigkeit sind die revistas picarescas spannende  kultur-geschichtliche Zeugnisse, welche Einblicke in zeitgenössische, oftmals global zirkulierende Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit erlauben. Sind nicht alle dieser populärliterarischen Zeitschriften bis heute überliefert, so finden sich die hier genannten in Teilen in der Printversion oder auf Mikrofilm in den Beständen des Ibero-Amerikanischen Instituts. Letztere können genauso wie gedruckte Exemplare über den Onlinekatalog bestellt und an den modernen Mikrofilmgeräten im Lesesaal des IAI angeschaut werden. An diesen Geräten können Sie zudem ganze Seiten oder wahlweise auch einzelne Textausschnitte einfach digital ausschneiden und als PDF speichern. Bei der Bedienung hilft Ihnen unser Serviceteam gerne weiter.

Referenzen
Hasson, Moisés: Pin-up: comics picarescos en Chile. Santiago de Chile: Nauta Colecciones Editores, 2015.
Montealegre Iturra, Jorge: Historia del humor gráfico en Chile. Lleida: Ed.Milenio, 2008.
https://luisalberto941.wordpress.com/2012/06/05/breve-historia-de-los-cursos-de-dibujo-10-instituto-argentino-de-dibujo-continental-school/

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